Das Ende der Gemütlichkeit
Es lebe der Sport: In Österreich wird so viel gelaufen, geradelt und genordicwalkt (?) wie noch nie.
Da ist für die ständig schrumpfende Schar derer, die sich dem
körperertüchtigenden Treiben ringsum standhaft verweigern und stattdessen einer eher
bewegungsminimie renden Lebensweise frönen, folgende Meldung gewiss Balsam aufs gemütliche Gemüt: Sport kann
krank machen, und zwar vor allem Männer.
Das sogenannte starke Geschlecht ist nämlich immer öfter von einer zwanghaften Ausprägung des Sportelns betroffen, die den schönen Namen „
Adonis-Komplex“ trägt. Ganz anders als bei der
Magersucht, die ja vorwiegend die Damenwelt plagt, fühlen sich die davon betroffenen Herren stets zu
schmächtig. Schätzungen zufolge leidet darunter jeder zehnte
Fitness-Studio-Besucher.
Als Akt ausgleichender Ungerechtigkeit widerfährt den Männern heute also das Gleiche wie den Frauen schon seit jeher: Mann muss sich mit unrealistischen
Schönheitsidealen herumschlagen. Das Mannsbild in Werbung und Medien wird mehr und mehr von gestählten
Sixpack-Modellathleten geprägt. Kein Wunder, wenn der Durchschnitts-
Mostschädel da verzagt die schlaffen Schultern hängen lässt – oder sich, je nach Naturell, um so verbissener auf Fahrrad und Fitnessgerät schwingt.
Trost spendet immerhin ein brillanter Frei- und Querdenker, die Edelfeder Helmut Gansterer: „Ein Mann über 40“, so zitiert er den großen Gentleman Herbert Krejci, „hat sich in der Öffentlichkeit nicht
schweißüberströmt und mit rotem Kopf zu zeigen. Dies nimmt ihm jede Würde.“*) Es gibt sie also noch, die zeitlose Stilsicherheit, die ohne
Sixpack-Bauch auskommt.
Quelle :
www.rundschau.co.at