Schlank und krank
Zu Tode gehungert durch Magersucht: Orientierung an zweifelhaften Körperidealen
Neben
Ess-Brech-Sucht ist
Magersucht die zweithäufigste Form von
krankhaftem Streben nach
Schlankheit.
Anorexia Nervosia – medizinische Bezeichnung – ist eine ernst zu nehmende
Krankheit, neun von zehn
Betroffene hungern sich buchstäblich in den
Tod. Mangelndes
Selbstbewusstsein, übertriebener Kontrolldrang und andere Probleme führen dazu, dass sich (meist) junge Frauen als Maß aller Dinge einen extrem
dürren Körper wünschen, um so vermeintlich alle Probleme lösen zu können. Doch warum soll ein solch schwacher, zittriger,
dünner Körper überhaupt erstrebenswert sein?
Genetisch bevorzugt – weil dünn?
Wiener
Models Chefin Andrea Weidler möchte in ihrer Agentur jedenfalls keine
kranken Mädchen, da ein
Model gesund, vital und lebensfroh sein muss. Sie ist aber dennoch der Meinung, dass Kleidung auf einem großen,
schlanken Mädchen besser ausschaut und daher nehme sie eben nur jene, die
„genetisch bevorzugt“ seien, da sie eben von Natur aus so
dünn sind. Die Bezeichnung
„genetisch bevorzugt“ ist allerdings bei genauerer Betrachtung nicht haltbar: Denn
Untergewichtige haben – genauso wie
Übergewichtige – eine niedrigere
Lebenserwartung als Menschen, die laut
BMI (Body-Maß-Index) im Normalbereich liegen.
„Weiblichkeit besteht aus Rundungen“
Die 24-jährige Designerin Bawi wünscht sich strahlende Menschen, die ihre
Mode am
Laufsteg präsentieren: Ob diese nun, wie ihre
Models, Kleidergröße 34 bis 40 haben, ist für Bawi unwesentlich: „Ich habe die Grundeinstellung: Schönheit kommt von innen. Das merkt man auch extrem. Wenn ein Mensch mit seinem Wesen und seiner Umwelt zufrieden ist, dann entsteht Schönheit.“
Für ihre
Modenschau kommenden Donnerstag im Wiener Fluc engagiert Bawi Frauen aus dem Freundeskreis „mit Ausstrahlung, da das wichtiger ist als Top-Maße“. Das, so meint die Inhaberin des
Modelabels „Anzüglich“, soll sich auch nicht ändern, wenn sich der große kommerzielle Erfolg einstellt, denn „dieser
hauchdünne Typ passt gar nicht zu meiner femininen
Mode, denn
Weiblichkeit besteht aus
Rundungen. Was jetzt nicht heißt, dass ich
dünne Frauen diskriminieren würde. Meine
Models sollen ein bunter Mix sein, so wie eben auch mein Publikum.“
Einen Fetzen über dürren Körper hängen
Auf die Frage, warum die meisten
Designer überhaupt extrem
dünne Frauen wählen, meint sie: „Es ist einfacher, man kann einen Fetzen und einen Streifen um das
Model wickeln und es schaut gut aus. Wenn eine
Figur aber
Rundungen hat, muss in der Fertigung mehr aufgepasst werden, die Schneiderkunst ist hier mehr gefordert. Ich habe in einer Trachtenschneiderei gelernt und dort einen sehr guten Zugang für die unterschiedlichsten
Figuren und Altersklassen bekommen.“
Schönheit ist also subjektiv empfunden – aber es gibt eben doch gesellschaftlich oder medial hochstilisierte Ideale, die eben oft eine auffallend
dünne Figur haben – erreichbar für viele Menschen überhaupt erst durch eine
Essstörung. In diesem Punkt haben die beiden Damen aus der Modebranche eine ähnliche Meinung: Es sollte ein Umdenken stattfinden, Weidler fände es Ziel führend, wenn Medien mehr ein
gesundes Körperbild propagieren, denn sie, als Geschäftsfrau, richte sich natürlich immer nach Angebot und Nachfrage.
Mehr Selbstbewusstsein und Reflexion
Weidler wünscht sich neben mehr
Selbstbewusstsein, das schon durch das Elternhaus transportiert werden soll, auch Aufklärung über Indikatoren, die
Magersucht definieren. Auch Bawi’s Wunsch ist vor allem mehr Reflexion darüber, warum diese Ideale existieren. Ihrer Meinung nach ist es „tragisch, wenn man seine Energie so auf den
Körper konzentriert, weil es darum ja nicht geht. Denn es geht mehr um geistige Entwicklung und nicht darum, wie mein Körper irgendwo hin entwickelt werden soll.“ Das Problem bei
Essstörungen sieht die Jung-Designerin auch darin, dass „das Pferd von hinten aufgezäumt wird, was der falsche Weg ist, denn eigentlich bekommt jeder durch geistige Entwicklung, Selbstliebe und Wohlbefinden ganz automatisch das individuelle Traum-Maß und das ist dann bei jedem verschieden.“ Denn wenn man glücklich ist, so meint sie, wird man das auch ausstrahlen, egal ob zwei
Kilo mehr auf den
Rippen sitzen oder nicht.
Eine unglaubliche Traumwelt
Auf die Frage, ob die
Jung-Designerin es vom ethischen Standpunkt her für vertretbar hält, dass in der Werbung das Bild der besonders dünnen Frauen permanent transportiert wird, meint sie: „Eigentlich ist es unglaublich: Es wird eine Traumwelt aufgebaut.“ Darauf angesprochen, dass laut einer Studie das
Selbstwertgefühl von Frauen nach dem Blättern in
Lifestyle-Magazinen rapide nach unten sinkt, meint Bawi, dass sie sich das gut vorstellen könne, aber: „mein
Selbstwertgefühl ist danach gesteigert, weil ich das alles so lächerlich finde, dass ich es kaum aushalte. Obwohl ich selbst
Modedesignerin bin, möchte ich mit dieser ganzen Maschinerie nichts zu tun haben.“
Folgenschwere Orientierung am Magerideal
Tatsache ist jedenfalls, dass gerade junge Menschen oft nicht diese Einstellung vertreten und sich an den (meist retouchierten)
Models, Stars und Sternchen in Hochglanz-Magazinen optisch orientieren. Das hat fatale Folgen für das psychische Wohlbefinden und eben im Extremfall auch massive Auswirkungen auf die Gesundheit. Magersucht wirkt sich empfindlich auf den
Hormonhaushalt (Ausbleiben der Menstruation, Potenzprobleme), Wachstum,
Knochendichte und Zähne, das vegetative Nervensystem (lebenserhaltende Vitalfunktionen wie Herzschlag) sowie die Blutbildung aus. Neben der hohen
Sterberate zieht Anorexia Nervosia – selbst nach Ausheilung – häufig chronische
Krankheiten (Schädigung der
Zähne, Nierenschäden, Osteoporose et cetera) nach sich.
Was Magersucht i(s)st
Anorexia Nervosia ist von der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch den ICD (International Classification of Diseases and Related Health Problems) international einheitlich klassifiziert, um
Todesursachen zuordnen zu können. So zeichnet sich diese
Körperschemastörung dadurch aus, dass die Angst besteht, dick zu werden und sich als eine übergeordnete, tief verwurzelte Idee manifestiert. Von
Anorexia Nervosia im medizinischen Sinne wird gesprochen, wenn das
Körpergewicht unter einem
BMI von 17,5 liegt und der
Gewichtsverlust durch verschiedene Schritte selbst herbeigeführt wird. Diese Maßnahmen sind klassischerweise: mangelnde
Nahrungsaufnahme, selbst herbei geführtes
Erbrechen, selbst herbei geführtes Abführen, übertriebene
körperliche Aktivität und Gebrauch von
Appetitzüglern oder
Entwässerungsmitteln.
Quelle :
www.chilli.cc