Von der Magersucht fast verzehrt
In Deutschland leiden nach Schätzungen etwa 2,8 Millionen Mädchen an Ess-Störungen. Ein erschreckender Anteil hungert sich zu Tode.
Von Isolde stöcker-Gietl, MZ
NEUTRAUBLING. Salat ohne Soße, einen Apfel und vielleicht noch einen Light-Joghurt, mehr gönnte sich Sabine Schicker selten am Tag. Manchmal
aß sie auch tagelang keinen einzigen Bissen. „Wenn mein
Magen knurrte, hatte ich ein Glücksgefühl im
Bauch“, erzählt die heute 22-Jährige aus Neutraubling (Lkr. Regensburg). Von ihrem 15. Lebensjahr an
hungerte sie sich 50
Kilo von ihrem
Körper, bis sie dem
Tod näher war, als dem
Leben. Sie wog nur noch 29
Kilogramm, fand aber die Kraft, die
Anorexie, die so genannte
Magersucht, zu besiegen.
Eine
Diät macht fast jedes Mädchen in der
Pubertät. In einem Alter, wo Äußerlichkeiten einen hohen Stellenwert haben, wollen die heranwachsenden Frauen ihren
Schönheitsidealen entsprechen. Sie träumen von einer Karriere in Heidi Klums TV-
Modelshow oder von einer Entdeckung als Popstar. Doch der
Schönheitswahn hat besorgniserregende Ausmaße angenommen. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa 2,8 Millionen Mädchen und junge Frauen an
Ess-Störungen wie
Magersucht und
Ess-Brechsucht (Bulimie). Tendenz stark steigend.
Auch bei Sabine Schicker begann der Teufelskreis mit der Unzufriedenheit über ihr Äußeres und der Suche nach Anerkennung in der Familie. „Ich war ziemlich dick und fühlte mich nicht wohl in meiner
Haut“, erzählt sie im Gespräch mit der MZ. Das
1,70Meter große Mädchen wollte sich auf
55 Kilo fasten und damit sich und ihrer Umwelt ihren starken Willen beweisen. Doch die ersten
Diätversuche scheiterten.
Da aß Sabine nur noch winzige Portionen, oft auch gar nichts. „In nur wenigen Wochen hatte sie die 55
Kilo erreicht“, erinnert sich Sabines Mutter Ingrid Schicker. Sabine war sehr
schlank und noch freute sich die Familie, dass sie ihr Ziel erreicht hatte.
Doch der Teenaager hatte Gefallen an der Macht über den eigenen
Körper gefunden.
Die früher so unternehmungslustige Gymnasiastin kapselte sich von ihren Freunden und der Familie ab. Die
Waage wurde zum wichtigsten Verbündeten. „Ich lebte in einer Scheinwelt, nahm mein Umfeld nur noch wie durch eine Nebelwand wahr“, erzählt sie. Ihre Mutter versuchte, ihr zu helfen. Sie wusste, wie gefährlich der Teufelskreis war, denn auch sie litt in ihrer Jugend unter
Magersucht. Ihr zuliebe begann Sabine eine
Therapie. Zunächst ambulant. „Den
Therapeuten trickste sie aus, wo sie konnte“, erinnert sich Ingrid Schicker. Sie aß nur vor den Treffen, den Rest der Woche
hungerte sie. Ihr
Gewicht war auf
41 Kilo gesunken.
Die hilflosen Eltern sahen im Februar 2001 keinen anderen Ausweg mehr als die Einweisung in die
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg. Obwohl
Ärzte und
Therapeuten dort mit Sabine täglich arbeiteten, bekam sie die
psychische Störung nicht in den Griff. Für die 16-Jährige war die Kontrolle über ihren
Körper zum
Lebensinhalt geworden. Der Leiter der
Kinder- und Jugendspychiatrie, Dr. Martin Linder, berichtet, dass etwa 30 Prozent der
Betroffenen trotz
therapeutischer Maßnahmen eine chronische
Ess-Störung entwickeln. Nicht selten mit tödlichem Ausgang.
Auch Sabine fand einen neuen Weg, um trotz
Therapie abzunehmen. Sie verfiel dem
Fitnesswahn. Später erzählte sie ihrer Mutter einmal, dass sie in der
Klinik stundenlang im Kreis gelaufen sei und täglich hunderte Kniebeugen absolviert hatte. Nach drei Monaten verließ sie die
psychiatrische Einrichtung ohne
Gewichtszunahme. Ingrid Schicker wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Da kam ihr der Gedanke, eine
Selbsthilfegruppe für
Angehörige von
Essgestörten am Regensburger Frauengesundheitszentrum zu gründen. Bis heute leitet sie den Gesprächskreis, der sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch trifft. „Es ist schön, wenn man über diee Probleme reden kann.“ Denn oft reagiere das Umfeld mit Unverständnis. „Dann soll sie halt mehr
essen“ – diesen Satz hat Ingrid Schicker oft gehört.
Der Gesprächskreis gab der Mutter auch Halt, als sich der Zustand ihrer Tochter zusehens verschlechterte. Trotz mehrere
Krankenhausaufenthalte und einer Überweisung in eine
Klinik für
Essgestörte, verlor das Mädchen weiter
Gewicht. Als Sabine nur noch
29 Kilo wog, sagte sie ihrer Mutter ins Gesicht, dass es ihr egal sei, ob sie lebe oder
sterbe.
Heute begreift Sabine diesen Tiefpunkt als ihre einzige Chance. „Ich musste so weit runterkommen, um
gesund zu werden.“ Denn nie wieder, so schwörte sie sich damals, wollte sie auf einer Intensivstation künstlich
ernährt werden. Als sie in die Klinik für
Essgestörte zurückkehrte, begann sie unter
therapeutischer Anleitung das
Essen neu zu lernen.
Sabine schaffte es. Heute wiegt sie etwa
60 Kilo.
Essen sei für sie wieder eine Selbstverständlichkeit geworden, sagt sie. Dieses positive Gefühl für sich und den eigenen
Körper möchte sie nun auch anderen
Betroffenen zurückgeben. Nach dem Studium der Psychologie will Sabine Schicker als
Therapeutin für
essgestörte Menschen arbeiten. „Ich will mithelfen, damit viele
Betroffene den Weg aus diesem Teufelskreis finden.“
Am kommenden Montag, 30. April, findet um 20 Uhr im
Frauengesundheitszentrum, Untere Bachgasse 12/14 in Regensburg ein Vortrag mit Ingrid Schicker statt. Thema: Die
Magersucht meiner Tochter. Anmeldung unter (0941) 81644
Quelle :
www.mittelbayerische.de