Zwanghafte Selbstkontrolle
Nach außen hin schien für die 14-jährige Anna alles bestens zu laufen. Sie war eine sehr gute Schülerin mit eigenen Ansichten, sportlich und beliebt. Niemand ahnte, dass die Fassade täuschte. Aus
Angst und
Unsicherheit begann sie zu
hungern,
wog schließlich nur noch 38
Kilo. Anna war
magersüchtig, sie litt an
Anorexia nervosa, wie der Fachausdruck für diese verbreitete
Ess-Störung lautet. Heute, mit 17 Jahren, hat sie wieder 50 Kilogramm erreicht. Am Ende einer mehrmonatigen Behandlung in der
Klinik Roseneck am Chiemsee, blickt sie zurück:
„Ich hatte
Angst vor dem Erwachsenwerden, vor der Verantwortung und dem Zwang, immer fehlerlos sein zu müssen“, sagt Anna. Die
Kontrolle über ihr
Essverhalten und ihren
Körper gaben ihr Sicherheit und ein Machtgefühl, das sie sonst nicht kannte. Also trieb sie bis zu vier Stunden Sport täglich und fixierte auch sonst ihren gesamten Tagesablauf immer mehr auf das
Essen. „Morgens
aß ich ein wenig Obst, mittags, um bei Kräften zu bleiben,
kohlenhydratreiche Nudeln“, so die heute 17-Jährige. Abends
fastete sie.
Magersucht ist keine Modeerscheinung. Bereits um 1880 beschrieben Ärzte die ersten Fälle. Seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahmen die
Erkrankungen deutlich zu, seit den 80ern ist die Zahl der
Betroffenen gleich bleibend hoch. Rund 0,8 Prozent aller 15- bis 35-Jährigen leiden heute an der
Krankheit, schätzt Manfred Fichter, Psychologe an der Klinik Roseneck. Sie betrifft etwa zwölfmal häufiger Mädchen und Frauen als Männer. Grund dafür sind unter anderem Vorbilder aus den Medien: Die
klapperdürren Models der letzten Jahrzehnte vermitteln ein Schönheitsideal, das vielen Frauen attraktiv erscheint. Jungen oder Männer wachsen eher mit den Bildern
muskulöser Action-Helden auf und sind daher weniger gefährdet.
Hungern, um perfekt zu sein
Magersüchtige sind um mehr als 25 Prozent leichter als
Normalgewichtige. Dabei fühlen sie sich nicht
krank. Die Jugendlichen
essen kaum etwas und ihre
Sucht, dem gefährlichen
Schlankheitsideal der
Hochglanz-Models zu entsprechen, bringt sie an eine
lebensbedrohliche Grenze: Fünf Prozent der
Magersüchtigen hungern sich buchstäblich zu
Tode.
Nach einem mehrmonatigen
Klinikaufenthalt ist Anna wieder zu Hause. „Ich hoffe nicht, dass ich noch einmal rückfällig werde“, sagt sie. Diese Gefahr bleibt für Menschen, die einmal unter einer
Essstörung litten, immer bestehen. Wie bei anderen
Erkrankungen mit
psychosomatischen Ursachen können in Stresssituationen die alten Verhaltensmuster wieder auftauchen.
Von Bettina Herman und Christoph Stadtfeld
Fachliche Beratung: Professor Dr. Manfred Fichter, Ärztlicher Direktor der Spezial-Klinik Roseneck am Chiemsee
Quelle :
www.focus.de