Thinderella aus dem Netz
Sie huldigen dem Hunger, tauschen Tipps zur Selbstkasteiung und empfinden sich nicht als krank. Internet-Foren sind der Treffpunkt der "Pro Ana"-Bewegung, die sich nach außen abschottet. Magersucht für Fortgeschrittene - ein Streifzug durch die bizarre Welt essgestörter Mädchen.
Fallen Angel hat braune Augen, dunkle Haare, mag Ska und ihren Computer. Sie möchte mal nach Japan reisen und studieren, trifft sich gern mit Freunden, hat aber gerade keinen Freund. Dafür eine besonders gute Freundin:
Ana.
Ana ist immer da, verspricht viel - und macht abhängig. Ana tummelt sich im Web. Wer sich zu ihr bekennt, ist "
Pro Ana" - und
essgestört. Denn Ana ist ein schönes Wort für eine schlimme
Krankheit:
Anorexia Nervosa,
Magersucht.
Ana begleitet Fallen Angel schon seit mehr als zwölf Monaten, redet ihr ins Gewissen, will beachtet werden.
Ana hat im Internet ihre eigene Welt. Die ist meist rosa und etwas kitschig, in ihr gibt es Elfen, Engel, Feen, Libellen - märchenhafte Flügelwesen aller Art. Sie symbolisieren die
Leichtigkeit, mit der
Ana lockt. Ein Versprechen für die Zukunft, in der die
Beckenknochen hervorstehen und sich zwischen den
Oberschenkeln eine ansehnliche Lücke gebildet hat, in der die
Kilos verschwunden sind. Und mit ihnen die Probleme.
Bis dahin aber ist der Weg hart, schwer, gnadenlos. Er zwingt
Anas Freundinnen auf die
Knie und vor die
Kloschüssel. Animiert sie,
Kalorien zu zählen, den
Hunger zu ignorieren und
Essen als Charakterschwäche anzusehen: "Das
Essen ist die
Sucht, die wir aufgeben müssen." Deshalb gibt es auf den
Pro-Ana-Seiten im Internet Listen mit
Lebensmitteln, die man als
Anas Freundin noch
essen darf. Und Tipps, wie keiner merkt, dass man es völlig okay findet, in Unterwäsche auf- und abgehend vor einem Spiegel zu
essen.
Feen regnen vom rosafarbenen Seitenhimmel
Die
Pro-Ana-Bewegung ist in den neunziger Jahren in den USA entstanden und auch in Deutschland heimisch geworden. Die Zahl der deutschen
Pro-Ana-Seiten ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Wie viele Seiten und Aktive es gibt, ist aber unklar. Immer wieder werden Foren von Betreibern geschlossen, immer wieder werden Homepages unter neuem Namen und an anderer Stelle wieder eröffnet. In den Foren und Blogs tauschen sich vor allem Mädchen und junge Frauen aus, meist zwischen 12 und 20 Jahren. Sie nennen sich selbst
Anas, in Anlehnung an den Namen der Bewegung.
Damit
Anas Freundinnen die Botschaft begreifen, gibt es auf allen Seiten die gleichen Standards: einen Brief, in dem
Ana sich vorstellt, ein Motivationsschreiben für alle, die zweifeln, einen Steckbrief mit Angaben zu Größe, Höchst-, Tiefst-, derzeitigem und angestrebtem
Gewicht der Betreiberin. In ihrer virtuellen Welt wird Ana zur Religion: mit Psalmen, einem Glaubensbekenntnis, zehn Geboten und Gesetzen.
Paragraf drei zum Beispiel regelt das
Essverhalten und legt fest, dass "
Wasser stets nur in Dreier-, Fünfer- und Zehner- Schlucken getrunken werden darf und jeder Bissen mindestens zehn Mal gekaut werden muss". Außerdem gibt das
Ana-Gesetz Tipps - je kleiner der Teller, desto größer wirken die
Mahlzeiten. Paragraf fünf verdeutlicht, was
Ana wirklich will: Abschottung. "Dieser Name/Begriff wird nicht in Gegenwart anderer
Nicht-Anas erwähnt oder geschrieben", heißt es da.
Ab- und Ausgrenzung sind Anas Prinzipien. Ana hat eine eigene Symbolik mit eigenen Farben und eigenem Schmuck: Insider erkennen auf den ersten Blick, ob man
hungert oder das
Essen wieder
erbricht, ob man sich selbst verletzt,
depressiv ist oder in
Therapie.
"Ana ist weniger ein Lebensstil als ein Lebensweg"
Auf
Pro-Ana-Seiten häufen sich Gewichtstagebücher, -wettbewerbe und -ideale. Obendrein gibt es
Abnehmtipps, Durchhaltetipps, Geheimhaltungstipps, Slogans (mehr...). Und "Thinspirations"-Fotos von
Models oder anderen Frauen, die das haben, wovon
Anas träumen: sich abzeichnende Schlüsselbeine und Rippen. Zur Abschreckung dienen "Fatspirations", Bilder von
krankhaften Fettmassen. Im Hintergrund regnen kleine Feen vom Seitenhimmel und streuen ihren Staub auf die rosafarbenen
Gewichtsfantastereien.
Es ist eine fremde, verquere Welt. Viele Foren sind mit einem Passwort gesperrt. Die hinein wollen, müssen in der "Wartehalle" den Moderatoren ausführlich und glaubwürdig genug darlegen, dass sie
Ana genug sind, um mitzumachen - und nicht nur eine der zahlreichen "Wanarexics", der
Möchtegern-Essgestörten. Bei
Pro Ana geht es, wie auch in der Realität der
Essgestörten, vor allem um eins: strikte Kontrolle.
Anas Freundinnen sprechen nicht gern darüber, was sich im Netz abspielt. Aus der Welt der poetischen Namen auftauchen wollen sie schon gar nicht. Fallen Angel ist bereit, Fragen per E-Mail zu beantworten. Sie hofft, dass die Leute dann etwas besser verstehen, was die Bewegung für die Beteiligten ausmacht.
Pro-Ana zu sein bedeute, sich "für die
Krankheit entschieden zu haben", schreibt Fallen Angel. Wichtig für die Seiten seien weniger die Gebote und Gesetze ("das ist Quatsch") und die anderen "Standards" als der Austausch und gegenseitiges Verständnis. Ana sei weniger ein Lebensstil als ein "Lebensweg": "Wir
Magersüchtigen sind uns sehr wohl darüber im Klaren, dass wir
krank sind, und wir wissen auch, dass man an
Magersucht sterben kann, aber wir versuchen, damit zu leben." Man rede in den Foren zwar über das
Abnehmen, animiere sich aber nicht, sich "zu
Tode zu
hungern".
Fallen Angel möchte mit ihrer Homepage "andere informieren" und "aus ihrem Leben erzählen". Dass das Informieren auf vielen
Pro-Ana-Seiten im Wettkampf um das
niedrigste Gewicht endet, ist typisch für die
Krankheit.
Magersüchtige leiden unter extremem Erfolgsdruck (mehr...): Nur wer diszipliniert
hungert, ist etwas wert. Fallen Angel möchte 43
Kilo wiegen, vielleicht 40 - wenn es ihr "dann noch gut geht".
Die Foren der Thinderellas, Elfen- und Feenkinder zu finden, ist nicht leicht - viele Betreiber sperren die Seiten. Es sei übertrieben negativ über die Bewegung berichtet worden, kritisieren Fallen Angel und Spiegelkind, deren inzwischen geschlossenes Forum zu einem der größten der Szene gehörte. "Ich denke nicht, dass
Pro-Ana-Seiten wirklich gefährlich sind", schreibt Spiegelkind - auch wenn sie für
Außenstehende "so wirken mögen". Sie sieht eher einen positiven Effekt: "Es hilft den meisten, dass sie sich austauschen können - und meist nimmt der Austausch über die Gefühle und die Stimmung überhand und wird wichtiger als das
Abnehmen."
"Wir wollen irgendwie magersüchtig sein"
Das sieht Wolfgang Gawlik, Mitgründer des Internetportals "
Hungrig Online", ganz anders. "Die
Betroffenen suchen Kontakt zu Gleichgesinnten, das ist prinzipiell gut. Die Art und Weise, in der das geschieht, ist alles andere als gut, denn Ziel der Seiten ist es, jegliche Impulse von außen abzuschotten." Die Foren entfachten eine negative Dynamik, mit der
Betroffene sich gegenseitig bestärken, sagt Gawlik: "Die jungen Frauen lernen Dinge, auf die sie allein vielleicht gar nicht gekommen wären."
"
Hungrig Online" hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem Bedürfnis der
Essgestörten nach anonymer Kommunikation eine Plattform zu geben. Auf den Seiten können sie sich austauschen und Hilfe erhalten - "allerdings ohne den typischen Konkurrenzdruck", so Gawlik. Zahlen sind deshalb tabu: keine
Kalorienangaben, keine Angaben zu
Größe und
Gewicht.
Die
Pro-Anas sind meist nicht bereit, sich
therapeutische Hilfe zu suchen - das macht die Bewegung aus. Sie wollen
Ana nicht loswerden, sondern "mit ihr leben", so Fallen Angel: "Sich als
krank zu empfinden und zu wissen, dass man
krank ist, ist für mich ein Unterschied. Ich weiß, dass es nicht gesund ist, was ich mache, und dass
Magersucht eine
Krankheit ist, aber ich empfinde mich nicht als
krank." Auf die Frage, ob man eine
Krankheit nicht loswerden will, schreibt sie: "In den meisten Fällen ja, beziehungsweise in allen Fällen. Deswegen ist es auch so schwer zu erklären, wieso es
Pro Ana gibt. Wir wollen irgendwie
magersüchtig sein. Für uns ist es ein
Schönheitsideal,
untergewichtig zu sein, und man kann
Untergewicht nun mal nur so erreichen."
"Ana ist etwas, das mir gehört"
Das Bild, dass sich in
Pro-Ana-Foren nur extrem
untergewichtige Mädchen tummeln, ist indes falsch. Viele wären gern
magersüchtig: Die
Anorexie gilt ihnen als reinste Form der
Essstörung, als Inbegriff der Disziplin - weil
Magersüchtige das
Nicht-Essen quasi in Perfektion praktizieren und nicht so halbherzig wie die
Ess-Brech-Süchtigen.
Nach der medizinischen Definition, die sich vor allem am
Body-Mass-Index (BMI) orientiert, sind viele der jungen Frauen in den Foren indes nicht
magersüchtig.
Essgestört sind sie allemal. "Die
Betroffenen haben eine Tendenz zur Anorexie, der Begriff wird aber umgangssprachlich verwendet, weil die jungen Frauen ein besonders
schlankes Körperideal haben", so Gawlik.
"
Ana ist etwas, das mir gehört, etwas, das ich bestimmen kann und das ich mir ausgesucht habe und ich möchte nicht, dass mir das jemand wegnimmt", schreibt Fallen Angel. Die
Essstörung verdeckt meist etwas anderes: Wer das
Nicht-Essen zu seinem Lebensinhalt werden lässt, hat wenig Zeit, sich mit anderen Problemen zu beschäftigen. Und Spiegelkind schreibt: "Die meisten
hungern aus Angst, Einsamkeit, sie wollen Aufmerksamkeit und geliebt werden. Viele haben den Gedanken 'Wenn ich dünn bin, bin ich schön und dann wird alles gut'."
Angst, so Fallen Angel, habe sie vor allem vor einer Sache: "dass jemand aus meiner Familie mitbekommen könnte, dass ich
Pro Ana bin". Ihre Eltern hätten so schon genug Probleme.
Quelle:
www.spiegel.de