Twiggy wäre durchgefallen
Heute beginnt in London die Fashion Week. Neben jungen britischen Designern schaut die Öffentlichkeit vor allem auf die Handgelenke, Schlüsselbeine und Knöchel der Models: Wieder sind Magersucht und Drogenmissbrauch in der Szene ein zentrales Thema. Mode gibt es aber auch zu sehen.
London - In der
Modewelt vollzieht sich derzeit ein merkwürdiger Wandel. Die Tage vor großen
Laufsteg-Shows sind nicht mehr angefüllt mit Spekulationen über die Ideen der großen Designer, über Stoffe, Schnitte und Farbskalen - sondern mit sorgenvollen Debatten über den
Gesundheitszustand derer, die Couture und Stangenware zu Markte tragen sollen.
n den Garderoben der London Fashion Week, die heute beginnt, wird eine Atmosphäre irgendwo zwischen Mädcheninternat und dem Vorlauf eines Profi-Boxkampfes herrschen: rituelles Wiegen, kerngesunde Snacks, penible Kontrollen auf
Drogen und Zigaretten, besorgte Aufpasser, gelangweilte Sechzehnjährige. Die
Modebranche hat ein Imageproblem, und jeder allzu spitze Schulterknochen, jedes
Junkie-blasse Model trägt weiter dazu bei.
Das British Fashion Council (BFC) hat im Vorfeld der
Modewoche einen Bericht veröffentlicht, der sich nicht mit Mode, sondern mit
mageren Models beschäftigt. Darin werden Empfehlungen ausgesprochen wie die, dass es ein "gesundes Backstage-Umfeld" geben müsse das "nachweislich drogen- und rauchfrei" und mit "qualitativ
hochwertigem Essen" ausgestattet sein sollte.
Die Modekorrespondentin des "Independent" entdeckte hinter den Kulissen der Vorab-Präsentation der Modekette Topshop "große Schüsseln voll Salat, Früchte und Platten mit Sandwiches". Schokoladen-Brownies von Marks und Spencer seien bei den Frisören hinter der Bühne besser angekommen als bei den
Models.
Die Picolos, aus denen die jungen Damen früher mit Lippenstift-schonenden Strohhalmen Champagner geschlürft hätten, seien aus den Garderoben verschwunden. "Man könnte einem 16-jährigen Mädchen verzeihen", schreibt Susie Rushton, "das die Schule dann doch aufregender findet".
Aufpasser für Models unter 18
Die strikten Regeln, die das BFC erlassen hat, gelten allerdings erst ab dem kommenden Jahr: Die Kommission empfiehlt, neben dem Ausschluss von
Models unter 16, auch die Einführung eines obligatorischen Gesundheitsnachweises. Für
Models unter 18 wird empfohlen, ihnen Aufpasser zur Seite zu stellen, die auf
Ernährung und
Drogenfreiheit achten sollen.
Die Anwendung des sogenannten
Body Mass Index (BMI), der
Körpergewicht und Größe in ein Verhältnis stellt, empfahl die Kommission dagegen nicht. Der
BMI sei "keine genaue Methode, um die
Gesundheit zu bestimmen" und könne sogar einen Anreiz für
Models schaffen, sich zur
Manipulierung von Testergebnissen zu übergeben, erklärten die Verfasser des Berichts, zu denen auch die
Model-Agentin und Kate-Moss-Entdeckerin Sarah Doukas gehört.
Im vergangenen Jahr waren das 22-jährige
Model Luisel Ramos aus Uruguay und ihre 18-jährige Schwester Eliana innerhalb weniger Monate an den Folgen von
Essstörungen gestorben. Verschiedene Modeveranstaltungen legten seitdem Regeln für die Teilnahme magerer
Models fest - bei der Mailänder Modewoche etwa dürfen nur noch Frauen auf den Laufsteg, deren
Body Mass Index (BMI, siehe Kasten) über 18,5 liegt. Zum Vergleich: Großbritanniens erstes Supermodel Twiggy, die in den sechziger Jahren mit sechzehn Jahren ihre Karriere begann, hatte nach einer Berechnung des "Independent" einen BMI von 14,6.
Mode wird bei der Fashion Week übrigens auch präsentiert: Mit Spannung erwartet werden in Großbritannien die Schauen des jungen Schotten Christopher Kane, zu dessen Fans Donatella Versace zählt und die Kollektionen von Luella Bartley und Matthew Williamson. Unter "genauer Beobachtung" werden laut Rusthon außerdem die Newcomer Deryck Walker, Danielle Scutt und Louise Goldin stehen.
Quelle:
www.spiegel.de