Kampagne gegen Magersucht
Schockierend schlank
Fotograf Oliviero Toscani schockt Italien mit den Fotos einer ausgemergelten Frau. Die drastische Kampagne gegen Magersucht hat im Land heftige Diskussionen ausgelöst.
Oliviero Toscani wollte schockieren, und das ist ihm gelungen. Seine Werbefotos für die Modemarke "Nolita", die nun auf Doppelseiten der italienischen Tageszeitungen und von riesigen Plakaten in Rom und Mailand prangen, mögen Entsetzen, Mitleid, Abscheu, Beifall und Kritik erregen - eines aber lassen sie nicht: gleichgültig.
Die Bilder des 65 Jahre alten Fotografen zeigen den
nackten, blassen,
ausgemergelten, von Schuppenflechte gepeinigten Körper einer jungen Frau. Ihre
Rippen springen hervor, der greisenhafte
Mund steht halb offen, die
Wangen sind eingesunken, die großen blauen
Augen starren verstört aus tiefen Höhlen. Toscani selbst vergleicht die Ausdruckskraft dieser Fotos mit dem Gemälde "Der Schrei" von Edvard Munch.
Die dargestellte junge Frau, die französische Schauspielerin Isabelle Caro, meint dazu: "Ich weiß, dass mein
Körper abstößt. Aber die physischen und psychischen Leiden, die ich durchgestanden habe, geben nur einen Sinn, wenn sie denen helfen, die in die Falle geraten sind, aus der ich mich zu befreien versuche."
Kulturelle Krankkeit
"
No Anorexia" steht auf den Plakaten. "
Nein zur Magersucht." Caro leidet seit ihrer Kindheit unter dieser
Krankheit. Heute ist sie 27 Jahre alt und 1,65 Meter groß. Ihr
Gewicht, das zeitweise nur noch 25
Kilogramm betragen haben soll, hat sich bei 31
Kilo eingependelt. Auf ihrer Internet-Seite schreibt sie: "Ich habe für diese Kampagne in der Hoffnung posiert, dass die Jugendlichen auf die Gefahren dieser
Krankheit reagieren."
Die Effekte der verstörenden Fotos - die pünktlich zur Mailänder Modewoche publiziert werden - sind in Italien umstritten. "Hier geht es um Werbung auf dem Rücken der
Kranken", meint die Psychiatrie-Professorin Emilia Costa, die in der Großklinik Umberto I. in Rom das Zentrum für
Ernährungs-Störungen leitet. Statt den
Betroffenen zu helfen, könnten die Bilder einen Nachahmungseffekt bewirken.
Ähnlich argumentieren andere
Gesundheits-Experten. Sie geben zu bedenken, solche Fotos hätten auf
Magersüchtige eine andere Wirkung als auf Gesunde. "Was sagt sich ein
magersüchtiges Mädchen angesichts solcher Bilder?", fragt etwa Fabiola De Clercq, die Präsidentin der gemeinnützigen Vereinigung Aba, die sich um solche
Krankheiten kümmert. Dann gibt sie die Antwort: "Bei ihr (dem Mädchen auf dem Foto) sieht man zwölf
Rippen, bei mir nur vier - also
esse ich morgen noch weniger."
Modeschöpfer wie Giorgio Armani sowie die italienische Gesundheitsministerin Livia Turco befürworten dagegen die Kampagne der Marke "Nolita", für die das venezianische Bekleidungs-Unternehmen "Flash&Partners" mehr als fünf Millionen Euro aufwendet. Die Initiative wende sich an ein junges Publikum und sei geeignet, mehr Sensibilität für das "Drama der
Magersucht" zu wecken, meint die Ministerin. Sie weiß, dass in Italien Krankheiten wie
Bulimie,
Fettleibigkeit oder eben
Magersucht alarmierend zunehmen.
Manifest der Selbstkontrolle
Laut der Nachrichtenagentur Ansa leiden bereits mindestens zwei Prozent der Männer und vier bis fünf Prozent der Frauen daran. Vor diesem Hintergrund sind die vielen Reaktionen auf die Toscani-Kampagne zu sehen. "Diese so harten und grausamen Bilder sind richtig und angebracht", sagt Armani. Auch Dolce&Gabbana applaudieren: "Endlich zeigt einer die Wahrheit über die
Magersucht." Die
Krankheit sei allerdings kein Phänomen der
Mode, sondern ein Problem der
Psyche.
Kritiker der Modeszenen finden jedoch, die Alta Moda, die Werbung und die Massenmedien präsentierten ein Frauenbild, das das Problem zumindest verschärfe. Das italienische
Model Beatrice Borromeo beschrieb das Idealbild, das da vermittelt wird, wie folgt: "Die Mädchen müssen heute groß,
mager und
maskulin sein. So lautet die Regel." Dabei neigt die Branche zu Exzessen. Immer wieder kommt es zu
Schwächeanfällen oder sogar zum
Tod unterernährter Models.
Die Regierung in Rom initiierte deswegen vergangenes Jahr ein "Manifest der Selbstkontrolle" der Designer und Modehäuser. Mannequins sollen demnach mindestens 16 Jahre alt sein und mit ärztlichem Attest ihre
Gesundheit nachweisen. Weg vom
Mager-Wahn, so lautet die Devise. Doch der Erfolg ist offenbar bescheiden. Bei den Alta-Moda-Tagen im Juli in Rom schickte die Mailänder Stylistin Raffaella Curiel 15 Models nach Hause, weil sie ihr allzu
dünn erschienen.
Der Fotograf Toscani, der lange für Benetton arbeitete und immer wieder mit aufrüttelnden Werbebildern etwa von Aids-Kranken Anstoß erregte, verteidigt seine Fotos der
magersüchtigen Isabelle Caro mit Verve. Er will den Frauen damit die nackte Wahrheit hinter
krankhaften Vorbildern der
Modebranche aufzeigen.
Noch mehr als die Bekleidungsindustrie macht er aber das Fernsehen für die Essstörungen vieler Menschen verantwortlich. Es führe den Mädchen "absurde Erfolgsmodelle" vor. "Das Fernsehen hat eine Gesellschaft geschaffen, die sich selbst liebt und nicht akzeptiert", meint er. "Wir sind Opfer einer kulturellen
Krankheit: Uns gefallen die Monster, weil wir uns selbst nicht wohl gesonnen sind."
Er, Oliviero Toscani, sei nur ein Zeuge seiner Zeit, argumentiert er. Seine Werke bildeten nur die Wirklichkeit ab. Die Kritik an den
Magersuchts-Fotos empfindet er deshalb als kurzsichtig. "Das Drama ist: Wir lassen uns von einem Bild erschüttern - und nicht von der Realität."
Quelle:
www.sueddeutsche.de