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Alt 28.09.2007, 12:35
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Standard Jede Woche kommen 4-5 Mädchen zur Magersucht-Erstberatung

Jede Woche kommen vier bis fünf Mädchen zur Magersucht-Erstberatung
Immer dünner durch immer weniger Essen: Magersucht ist auch in Südtirol ein Thema. Dabei steht meistens nicht mehr ein bestimmtes Schönheitsideal im Vordergrund, sondern eine Krankheit, von der sich die Betroffenen nur schwer befreien können. Südtirol Online hat mit Peter Koler, Direktor des Forums Prävention gesprochen, wie mit der Magersucht-Problematik in Südtirol umgegangen wird.

Südtirol Online: Vor Kurzem hat der Starfotograf Oliviero Toscani mit seiner Schock-Kampagne „No Anoressia“ für Aufmerksamkeit gesorgt. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Peter Koler: Das Schockierende ist sicher ein Markenzeichen dieses Fotografen. Ich finde diese Idee eigentlich positiv, weil die Schönheit in dieser extremen Darstellung eines nackten magersüchtigen Models einfach verschwindet. Wenn er damit eine Diskussion auslösen kann, die die Öffentlichkeit nicht traumatisiert, sondern zu einer produktiven Auseinandersetzung aufruft, finde ich die Aktion durchaus sinnvoll.

STOL: Wie bewerten Sie den Einfluss der Werbe- und Modebrache auf das Körperbild im Allgemeinen?

Koler: Es wundert mich oft, wie man die öffentliche Diskussion beeinflussen kann. Ich erinnere mich da an die Tabakindustrie, die einer der stärksten Industrien ist: Auch hier gibt es gewisse Regeln wie den Nichtraucherschutz, das Tabakwerbeverbot usw. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass man auch in der Modebranche irgendwann zu dem Punkt kommt, dass man zwei konkurrierende Ideen zusammenbringen muss: Auf der einen Seite das überzogene Schlankheitsideal, auf der anderen die Bedürfnisse der Menschen. Man merkt, dass es immer mehr Diskussionen, immer mehr kritischen Geist gibt, was ich sehr begrüße.

STOL: Geht es nach dem italienischen Dachverband der Model-Agenturen, sollen Models in Zukunft per Arzt-Attest ein Mindestgewicht vorweisen. Wie sinnvoll finden Sie diesen Vorschlag?

Koler: Wie immer braucht es in der Prävention auch strukturelle Prävention: Das ist die Zusammenarbeit mit Normierungen und Gesetzesinitiativen. Gerade wenn man solche Veränderungen haben will und es einen öffentlichen Konsens darüber gibt, dass sich die Models nicht wegen der Modezaren zu Tode hungern sollen, kann man zwar einiges über Information erreichen. Doch strukturelle Prävention ist hier unumgänglich. Wenn man also jedem Model einen niedrigst zulässigen BMI (Körpermaßindex, Anm. d. Red.) von 18 vorschreiben würde, wäre das zu begrüßen. Damit kann man zwar das Problem nicht aus der Welt schaffen, aber man gibt deutliche Signale.

STOL: Vielen ist oft nicht bewusst, dass es sich bei der Magersucht um eine langfristige und ernstzunehmende Krankheit handelt, die sich so schnell nicht wieder heilen lässt...

Koler: Das Bild, das in der Öffentlichkeit oftmals transportiert wird, ist leider ein falsches: Dieses „wirft“ den betroffenen Frau vor, sich absichtlich in die Magersucht zu stürzen. In Wirklichkeit sind die Betroffenen jedoch sehr oft hin- und hergerissen zwischen dem Zwang, der ihnen die Krankheit auferlegt, und dem Ausbrechen-Wollen und nicht Können.

STOL: Gibt es Zahlen zu den Betroffenen in Südtirol?

Koler: Es ist schwierig zu sagen, wie viele Fälle es in Südtirol gibt. Die Dunkelziffer ist sehr groß und es gibt sehr wenig Datenmaterial. In der „Infes“ gibt es wöchentlich etwa vier bis fünf Mädchen und Frauen, die Beratung und Hilfe suchen. Dabei suchen vor allem jüngere Frauen zwischen 17 und 30 Jahren den anonymen Kontakt mit der Beratungsstelle. Männer kommen nur vereinzelt. Was wir wissen, ist, dass 0,5 Prozent der Frauen in der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter an Anorexie, ein bis drei Prozent an Bulimie leiden. Bei den Männern gelten zehn Prozent dieser Werte. Die Magersucht ist eben immer das, was man nach außen sieht, was Furore macht. Es gibt daneben aber auch die Bulimie und die Ess- bzw. Fresssucht, die ja weit mehr in der Bevölkerung verbreitet sind.

STOL: Am Beginn einer Essstörung steht meist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.

Koler: Junge Menschen fühlen sich oft zu dick, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind. Das ist noch keine Essstörung, aber eine gestörtes Körperbild. Eine Jugendstudie, bei welcher 870 Jugendliche zwischen 14 und 25 befragt wurden, ergab etwa im Jahr 2004, dass 37,5 Prozent der Südtiroler Frauen und 10,5 Prozent der Männer schon einmal oder des Öfteren eine Diät gemacht haben. 13,3 Prozent der Frauen hungerten schon einmal, um ihr Gewicht zu reduzieren, davon haben sich 5,8 Prozent absichtlich erbrochen. 1,9 Prozent nahmen Abführmittel zur Gewichtskontrolle. Wichtig ist jedoch, dass zwischen dem pubertären Schlankheitsgedanken und der Magersucht als Krankheit unterschieden wird, der ein krankhafter Zwang anhaftet, welcher den eigenen Willen auslöscht.

STOL: Was löst ein solch gestörtes Körperbild aus?

Koler: In unserer Gesellschaft werden wir dazu gezwungen, unsere Identität und Persönlichkeit selbst zu entwickeln. Wir müssen sie uns sozusagen von Außen zuschreiben. Ein Teil unseres Selbstwertes und unserer Selbstidentität läuft über den Körper. Leider sind die positiv bewerteten Körperbilder jene, die man in der Werbung sieht. Diese Bilder brennen sich dann in die Gehirne der Menschen ein und viele glauben, eine Frau sei deshalb so anerkannt, weil sie bestimmte Körpermaße hat, oder ein Mann deshalb so berühmt, weil er breite Schultern hat.

STOL: In welcher Weise versucht die Informationsstelle für Essstörungen (Infes) den Betroffenen zu helfen?

Koler: Die Anlaufstelle bietet zuerst eine Erstberatung an und leitet Betroffene dann an spezialisierte Dienste weiter. Je nach Krankheitsgrad bieten wir die Teilnahe an einer Selbsthilfegruppe an oder verhelfen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Therapiezentren zur therapeutischen Beratung. Für Eltern und Partner der Betroffenen gibt es angeleitete Selbsthilfegruppen, damit sie das Problem Magersucht, Bulimie oder Übergewicht besser verarbeiten können.

STOL: Eine wichtige Aufgabe der “Infes” ist aber auch Information und Prävention.

Koler: Wir versuchen über öffentliche Informationen, Schulen und Jugendzentren auf das Thema Essstörungen aufmerksam zu machen. Verteilt wird etwa die Broschüre „Lollipop“, außerdem geben wir in einem Büchlein Auskunft über gesunde Ernährung. „Schokoladeriegel und Barbiepuppe“ ist z.B. ein Präventionsworkshop für Schüler und Eltern, in welchem über Schönheitsideale, Essen, Gefühle und Körperwahrnehmung gesprochen wird.

STOL: Die Fachstelle für Essstörungen „Infes“ (Informationsstelle für Essstörungen) wurde im Jänner an das Forum Prävention angegliedert. Heißt dies, dass der Fachstelle nun mehr Bedeutung zukommt?

Koler: Die „Infes“ ist in den 90er-Jahren als ehrenamtliche Betroffeneninitiative gestartet und hat sich im Laufe der letzen Jahre hin zu einer professionelleren Struktur entwickelt. Mit der Angliederung ans Forum wollen wir die Stelle bekannter machen: Ab 1. Oktober wird eine Koordinatorin (Angelika Fauster, Anm. d. Red.) eingestellt, Selbsthilfegruppen werden gegründet und die Website erneuert.

STOL: Weshalb wirkte die “Infes” bisher eher im Untergrund?

Koler: Die Arbeit der „Infes“ ist eigentlich immer noch eine Arbeit im Verborgenen. Was das Thema Magersucht anbelangt, ist alles sehr anonym. Dieser Bereich hat leider keine Lobby und keine öffentlichen Fürsprecher, er liegt im Verborgenen, weil sich die Familien und Betroffenen oft schämen. Es bräuchte ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität. Der Bereich der Suchtprävention ist da beispielsweise viel öffentlicher und einfacher zu handhaben.

Interview: Barbara Raich

Quelle: www.dolomiten.it
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