«Wollt ihr so aussehen wie ich?»
Die Französin Isabelle Caro leidet unter Magersucht, seit sie dreizehn Jahre alt ist. Jetzt will sie mit schockierenden Bildern und der Geschichte einer traumatischen Kindheit andere vor demselben Schicksal bewahren.
Per SMS schreibt sie: «Treffpunkt: Hotel Lutetia, Boulevard Raspail, 14.00. Ich werde eine Mütze tragen. Herzlich, Isabelle.»
Zwei Tage später sitzt sie in der Hotelhalle an einem der runden Tische, sie trägt eine schwarze Mütze, ein schwarzes Kleid, schulterfrei. Isabelle Caro ist krank. Sie ist 25 Jahre alt, misst 1 Meter 65 und wiegt 32 Kilo. Sie bestellt Tee. Das Mandelgebäck, das dazu serviert wird, rührt sie nicht an.
Und während sie leise spricht, ganz unauffällig, sorgen ihre Fotos weltweit für grossen Lärm: Isabelle, nackt und ungeschminkt, die Augen weit aufgerissen, wie in Edvard Munchs Gemälde «Der Schrei». Sie ist das Mädchen auf den Plakaten, sie ist das Mädchen der «
No. Anorexia»-Kampagne, die pünktlich zur Mailänder Modeschau in ganz Italien lanciert wurde.
Der Mann, der Isabelle Caro für die Kampagne fotografierte, heisst Oliviero Toscani, er war in den achtziger Jahren für die Benetton-Werbung verantwortlich: das Baby an der Nabelschnur, der Aidskranke im Sterbebett, das blutige Hemd eines Soldaten, alles Toscanis Ideen. Dem amerikanischen Sender CNN antwortet der italienische Fotograf diese Woche, die
spindeldürren Models und
anorektischen Stars würden Jugendliche zu
krankhaftem Essverhalten animieren. «Jemand muss doch zeigen, was
Magersucht wirklich bedeutet.» Doch die Effekte der verstörenden Fotos sind umstritten. Während einige applaudieren und hilflos über Mindestalter und
Mindestgewicht der
Mannequins diskutieren, warnen andere, wie Fabiola De Clercq, Spezialistin für
Essstörungen: «Schockbilder verleiten nur zur Nachahmung. Was sagt ein
magersüchtiges Mädchen beim Anblick von Isabelles
Körper? Bei ihr sieht man zwölf
Rippen, bei mir nur vier − morgen esse ich noch weniger.»
In Frankreich kennt man Isabelle Caro schon seit Anfang Jahr, das französische Fernsehen TF 1 hat sie eine Woche lang begleitet, hat sie beim Baden gezeigt, beim
Essen, hat auf ihre
Rippen gezoomt, auf ihre von
Schuppenflechten gepeinigten
Beine und
Ellbogen. Durch ein Casting bekam sie das Angebot, auf Toscanis Kampagne zu posieren, jetzt kennt man ihren Körper auf der ganzen Welt. Isabelle: «Ich weiss, dass die Bilder Abscheu erzeugen. Ich will, dass sich Jugendliche, die immer
dünner werden, fragen: Will ich so aussehen wie sie? Will ich aussehen wie eine Leiche?»
Isabelles Arm zittert vom
Gewicht des silbernen Teekruges, den sie in der Hand hält, um sich neues Wasser in ihre Tasse zu giessen. Sie sagt: «Die Modeindustrie übt zwar einen schlechten Einfluss auf Jugendliche aus, aber die Ursache der
Magersucht liegt tiefer.» Darum gehe es ihr, darum habe sie sich entschlossen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten. «
Magersucht findet oft im Stillen statt. Unbemerkt tauschen sich Jugendliche in Internetforen über ihre Erfahrungen aus, die Eltern haben davon keine Ahnung, schauen weg, vielleicht sind sie auch mit ihrer eigenen
Diät beschäftigt.» Sie wolle keine Angst mehr haben, ihren
Körper zu zeigen, sie wolle andere ermutigen, darüber zu reden, nur so könne man die
Krankheit besiegen. «Ich habe mich lange genug versteckt. Ich will meine Geschichte erzählen.» Und Isabelle erzählt:
«Ich wuchs mit meiner Mutter in einem abgeschiedenen Haus im Norden Frankreichs auf, in der Normandie. Mein Vater war oft unterwegs, das nächste Haus 500 Meter entfernt. Bis ich vier Jahre alt war, ging es mir einigermassen gut. Danach wurde es schlimm. Meine Mutter fiel in eine starke Depression, blieb oft tagelang im Bett, weinte, brüllte, weil sie von ihrem Liebhaber für eine sehr viel jüngere Frau verlassen wurde. Von diesem Tag an verbot sie mir zu wachsen. Sie sagte: «Bleib immer mein kleines Kind.» Ich durfte nicht altern, ich durfte das Haus nicht verlassen, ich durfte keine Emotionen zeigen, nicht weinen, nicht lachen. Meiner Puppe leerte ich jeden Abend heimlich Wasser in die Augen, ich wollte eine gute Tochter sein, ich wollte meine Mutter glücklich machen.» Sie ging nicht mehr zur Schule, klebte sämtliche Fenster mit Zeitungspapier zu, im Haus, so soll ihre Mutter befohlen haben, musste sie sich einen Wollschal um den Mund binden, denn alles, was von aussen eindringen konnte, galt als böse. «Selbst frische Luft.» So vergingen zehn Jahre.
Isabelle: «Ich wurde
magersüchtig mit 13 Jahren. Ich verlor schnell an
Gewicht, ging heimlich in den Garten. Mit 16 hatte ich zum ersten Mal eine Freundin aus der Nachbarschaft, mit 18 wurde ich hospitalisiert. Ich wog 25
Kilo. Nach dem mehrwöchigen
Spitalaufenthalt kehrte ich nie mehr in die Normandie zurück.» Sie sagt: «Genug geredet. Gehen wir spazieren.»
Zehn Prozent sterben
In der Schweiz leiden ein bis zwei Prozent der unter dreissigjährigen Frauen an
Magersucht. Der Anteil hat seit den siebziger Jahren kontinuierlich zugenommen. Jüngste Umfragen vom Zürcher
Kinderspital zeigen, dass die betroffenen Frauen immer jünger werden, dass bereits Kindergärtner und Schulanfänger über eine
Diät nachdenken. «Das Alter der
Patienten sinkt», bestätigt auch Dagmar Pauli, Leiterin der Sprechstunde für
Essstörungen im Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich. Die
körperlichen und psychischen Folgen einer chronischen
Magersucht sind gravierend:
Herz-Rhythmus-Störungen,
Knochenabbau,
Haarausfall,
Isolation,
Beziehungsunfähigkeit,
Depression. Zehn Prozent der chronisch
Erkrankten sterben.
Es ist Herbst in Paris, die Touristen stehen sich im VI. Arrondissement auf den Füssen, Isabelle Caro läuft an Kleiderläden und Imbissbuden vorbei, in schnellen, strengen Schritten, sie zählt auf: «Baguette geht gut, Gemüse auch, am besten püriert.» Sie mag Sushi und frische Sachen, aber noch sei ihr Magen so klein, und sie formt mit ihren dünnen Fingern ein O. Viel Platz sei da nicht. «Alles, was
fettig ist, vertrage ich nicht, das ist wie eine Blockade», keine Pommes frites, wenig Fleisch, nur schon wenn sie an
Fett denke, werde sie nervös. «Doch es geht mir besser denn je», seit sie über alles spreche, habe sie zwei
Kilo zugenommen. Sie habe begonnen, Schauspielunterricht zu nehmen, noch sei sie auf die Rolle der
Leiche abonniert, «ich hoffe, mein Repertoire in den nächsten Jahren zu verbreitern». Und Isabelle Caro lacht.
Isabelle schreit
«Mein Traum?», wiederholt sie die Frage. «Ich will eine Familie, ich will, dass die Menschen aufhören, an
Magersucht zu denken, wenn sie meinen Namen hören. Ich will, dass sie sagen: Seht her! Das ist Isabelle. Eine ganz normale Frau.» Dann verabschiedet sie sich. Sie nimmt den Bus.
Per SMS schreibt sie einen Tag später: «Bin bald mit meinem Buch über meine Geschichte fertig. Muss nur noch Verlag finden. Schreiben Sie das in Ihrem Artikel. Herzlichst, Isabelle.»
Das Buch, die Plakate, die Fotos auf ihrer Website; sie sagt, sie wolle anderen helfen, vermutlich will sie sich durch das öffentliche Interesse auch selber helfen, beachtet werden, sie will ihren Platz, den ihr die Mutter nie zugestand. Isabelle Caro, die immer so leise spricht: In Wahrheit schreit sie so laut nach Hilfe, wie sie kann. Sie ist nicht das junge Mädchen auf Oliviero Toscanis Protestplakaten. Sie ist die Frau auf Edvard Munchs Gemälde.
Quelle:
www.nzz.ch