Als
Grundkonflikt bei Essstörungen wird die Suche nach der eigenen
Identität angesehen. Häufig ist sie begleitet von langjährigen inneren Kämpfen zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Anfangs innerhalb der Familie, später in Beziehungen zu Partnern und im öffentlich-gesellschaftlichen Leben.
Esssüchtige haben meist ein äußerst
instabiles Selbstwertgefühl und versuchen, sich Liebe und Anerkennung durch Leistung oder Anpassung zu verdienen. Frauen mit Essstörungen sind oft
perfektionistisch veranlagt, denn sie haben das Gefühl, sich anderen ständig beweisen zu müssen und nichts, was sie tun, ist gut genug. Ziele, die erreicht wurden, werden entweder konsequent verleugnet und ignoriert oder durch neue, höhere ersetzt. Die Ansprüche, die die Betroffenen sich selbst gegenüber haben, sind in der Regel völlig übertrieben und können daher gar nicht erreicht werden. Der
eigene Körper wird konsequent abgelehnt und alle Versuche, sich mit ihm auseinanderzusetzen und anzufreunden, werden genauso abgeblockt wie positive Kommentare von anderen Menschen. Viele Betroffene erwecken das Eindruck, sich gar nicht helfen lassen zu wollen.
Die Sucht ist das einzige, worauf sie sich verlassen können, denn nur hier erleben sie hin und wieder ein Gefühl von Macht und Kontrolle über ihr Leben. Die Essstörung ermöglicht ihnen, unangenehme Gefühle nicht spüren und nicht ausdrücken zu müssen. Frauen, die von Essstörungen betroffen sind, haben grundsätzlich Probleme mit Nähe und Distanz; sie haben nicht gelernt, ihre Grenzen richtig wahrzunehmen. Bei Übergewichtigen offenbart es sich in ihrem Körperfett als unscharfer Ich-Grenze, bei Bulimikerinnen in der extremen Durchlässigkeit ihrer Grenzen - sie lassen zuviel hinein und müssen es dann gewaltsam wieder hinausbefördern - und bei Magersüchtigen in einem Zuviel an Grenzziehung - sie lassen zuwenig in sich hinein. Esssüchtige sagen immer "ja", Bulimikerinnen immer "ja, aber" und Magersüchtige immer "nein".
In der Pubertät lösen die Veränderungen der weiblicheren Körperproportionen bei Mädchen manchmal negative Gefühle und Unzufriedenheit aus. Obwohl statistisch betrachtet nur 10 Prozent der weiblichen Jugendlichen unter klinischen Essstörungen leiden, versucht mindestens jede Zweite, ihr Gewicht durch Diäten oder exzessive sportliche Betätigungen zu reduzieren (Davies & Furnham 1986), um so eher dem kulturell präferierten Körperideal für Frauen zu entsprechen. Besonders dann, wenn Freunde und Bekannte Schlankheit eine große Bedeutung beimessen oder die Mädchen
wegen ihres Gewichts gehänselt werden, kommt es während der Pubertät zu exzessiven Sorgen über das eigene Körpergewicht (Taylor et al. 1998). Mit dem eigenen Körper unzufrieden zu sein, stellt wiederum einen Risikofaktor für die Ausbildung eines
negativen Selbstbilds sowie internalisierter Probleme wie depressivem Affekt, dessen Prävalenz besonders bei Mädchen in der Pubertät ansteigt, dar (Cairns, McWhiter, Duffy & Barry 1990).
Essstörungen bleiben lange im Verborgenen, meist gibt es nur allgemeine Hinweise. Mädchen, die an einer Anorexia nervosa leiden, versuchen am Anfang, familiäre Mahlzeiten zu meiden und benutzen dafür Ausreden wie: "Ich habe schon gegessen", oder "Ich habe gar keinen Hunger." Dabei widmen sie sich häufig mit Ausdauer dem Wohlergehen der Familie, kochen aufwendige Gerichte für andere. Auch innerlich sind die Betroffenen ständig mit dem Essen beschäftigt, alle Lebensmittel werden in gute (nicht dick machende) und schlechte (dick machende) eingeteilt. Kalorien und Fettpunkte werden genauestens kontrolliert. Unter dem Vorwand, sich gesund zu ernähren, wird lange Zeit eine stark einseitige Ernährung durchgeführt. Viele Früchte und Gemüse werden konsumiert, manchmal ausschließlich Babybrei.
Das Essverhalten erfährt mit zunehmender Erkrankung eine immer stärkere Kontrolle. Dabei wird es auch zur Kontrolle von anderen eingesetzt. Häufig bestimmen Mädchen mit Essstörungen das Familienklima. Es besteht eine krankhafte Furcht, dick zu werden, was bei längerem Krankheitsverlauf zum völligen Vermeiden größerer Mahlzeiten oder sozialer Situationen, in denen gegessen wird, führt. Nach einer Nahrungsaufnahme versuchen die Mädchen, die Kalorien wieder abzutrainieren oder aus dem Körper zu entfernen. Übermäßiges Sporttreiben ist ein sichtbares Warnzeichen.
Im Sozialbereich ziehen sich die Mädchen häufig aus bestehenden Freundschaften zurück, haben keine Lust mehr, mit anderen etwas zu unternehmen. Nicht selten kommt es zu einem Rückzug ins Elternhaus, wobei sozial erwünschte Kontakte wie der Gang zur Kirche oder zur Schule lange aufrechterhalten werden. Im körperlichen Bereich wird die Abmagerung der Mädchen verdeckt durch Schlabberkleidung oder Tragen dicker Pullover und Mäntel; es fällt eine schlechte Durchblutung der Hände auf.
Bulimische Mädchen sind dagegen normalgewichtig, man sieht ihnen die Bulimie nicht an. Bei chronischem exzessiven Erbrechen schwellen die Ohrspeicheldrüsen wie bei Mumps an, und es entsteht ein "Hamstergesicht". Diese Patientinnen sind oft sozial unangepasster als solche mit einer Anorexia nervosa. Schule schwänzen, aber auch Ladendiebstähle kommen öfter vor. Sie leiden an starken Stimmungsschwankungen und depressiven Verstimmungszuständen. Absichtlich zugefügte Schnittwunden, meist an den Unterarmen, können mit dieser Erkrankung verbunden sein.
Quelle:
http://arbeitsblaetter.stangl-taller...Ursachen.shtml