Sportsucht, Sportbulimie (exercise-bulimie), Sport-Anorexie (Anorexia athletica)
„Sport“ bedeutet eigentlich soviel wie „Zerstreuung“. Die besseren Kreise in England, die es nicht nötig hatten,
körperlich zu arbeiten, gingen verschiedenen Spielen und Formen der
Körperertüchtigung nach. Der britische
Sportbegriff mischte sich dann mit dem von de Coubertin aufgegriffenen, stärker wettbewerbbezogenen altgriechischen olympischen Gedanken. Heutzutage ist „
Sport“ in den westlichen Gesellschaften, in denen immer weniger
körperliche Arbeit anfällt, fast zum Synonym für
körperliche Anstrengung geworden.
Sport hält gesund, aktiviert das
Immunsystem, regt den Körper zur Produktion von
Endorphinen,
Cannabinoiden,
Serotonin,
Adrenalin,
Dopamin und
Glutamat an. Es kommt dabei zu einer lustvollen Erregung. Tlw. werden, vor allem bei Läufern, bewusstseinsverändernde Rauschzustände, sog.
flow-Erlebnisse beschrieben. Auch der Begriff
„runner’s-high“ wird verwandt. Man strebt dazu, diesen Zustand wieder zu erreichen, man lernt am Erfolg und ist stolz, wenn es höher, schneller und weiter wird. Auch das
Modelllernen spielt eine große Rolle, wenn man die häufig wechselnden Trendsportarten sich ansieht. (Der „Spiegel“ hat mit etwas spitzer Feder das Nordic Walking als die Trendsportart für Frauen zwischen 50 und 80 bezeichnet)
Der Sport dient auch dem Abbau
psychischer Spannungen und damit der
Affektregulation. In manchen Fällen schützt er auch vor dem Gefühl der Desintegration.
Sadomasochistische Impulse können im Sport relativ sozialverträglich ausgelebt werden.
Die
Selbstkontrolle und das Gefühl von
Selbstwirksamkeit werden verbessert.
Die
antidepressive Wirksamkeit ist mit der der
klinisch eingesetzten
Antidepressiva vergleichbar.
Natürlich kann auch die
sportliche Betätigung so wie jede menschliche Leidenschaft und Tätigkeit süchtig entarten. Es kommt dann zu einer Abhängigkeit vom tgl.
Sport, zur
Dosissteigerung hin zu Marathons und Ultra-Marathons und zu
Entzugserscheinungen in Form von schlechter Laune, wenn man nicht die Gelegenheit hat, sich
körperlich zu betätigen. Oft werden auch schädliche Folgen ignoriert, Alarmreaktionen des
Körpers übersehen. Auch
Grandiositätsvorstellungen spielen herein.
Schwierig wird es, wenn sich
Sportsucht und
Magersucht bzw.
Ess- Brechsucht kombinieren oder aber wenn der
Sport zur Gewichtsregulation eingesetzt wird. Bei Magersüchtigen spricht man von „
Sport-Anorexie“ oder „
Anorexia athletica“, bei
Bulimikerinnen von „
Sport-Bulimie“.
Gefährlich sind dabei
Sportarten, bei denen „Glaube und
Schönheit“,
Leichtigkeit und Mädchenhaftigkeit im Vordergrund stehen, wie Ballet, rhythmische
Sportgymnastik, Bodenturnen. Gefährlich können auch Sportarten sein, bei denen
Gewichtsklassen bestehen, indem man nämlich durch
Abnehmen beispielsweise gerade noch in die Klasse des
Fliegengewichts hereinrutscht und sich dort bessere Chancen ausrechnen kann. Nicht
ungefährlich sind weiterhin
Sportarten, bei denen
leichtes Gewicht von Vorteil ist: Skispringen, Reiten und bis zu einem gewissen Grad auch Rennen.
Magersüchtige und
Bulimikerinnen bewegen sich nicht nur deshalb viel, weil sie hoffen, dadurch
Kalorien verbrennen zu können, sondern auch aus anderen Gründen. Die
antidepressive Wirkung des Sports ist schon genannt worden. Viele
Magersüchtige und
Sportlerinnen teilen den Hang zur
Askese, teilen den Wunsch, unbedingt etwas leisten zu wollen, um dadurch geliebt zu werden.
Bei der
Bewegungsunruhe der
Magersüchtigen scheint es sich auch um ein biologisch vorgegebenes Notfallprogramm zu handeln. Auch hungernde Tiere laufen noch viel herum, in der Hoffnung irgendwo etwas
Essbares zu ergattern, bevor sie sich apathisch dem
Hungertod ergeben.
Beim
Sport mag es sich um die gesündeste
Kompensationsmethode handeln, die
Bulimikerinnen zur Verfügung steht. Sport ist empfehlenswerter als
Erbrechen,
Abführmittel und Diuretika. Wirklich gefährlich wird es aber, wenn Frauen, die häufig
erbrechen, zugleich Sport treiben. Es kann dann infolge des vorliegenden Kaliummangels zum plötzlichen
Herztod kommen.
Quelle:
www.korso-klinik.de