Operationen helfen Adipositas-Kranken, in Deutschland fehlen aber Spezialkliniken
Über eine Million Menschen in Deutschland leiden an
morbider Adipositas (BMI über 40), und es werden immer mehr. Wegen der ernsten Folgen wie
Depressionen,
Hypertonie,
Diabetes,
Herz-Kreislaufleiden oder auch
Krebs ist bei
Betroffenen die Lebensqualität extrem reduziert und die
Lebenswartung um 20 Jahre verringert.
Realistische Chancen, mit
Reduktionskost und
Bewegung massiv an
Gewicht zu verlieren, haben die
Betroffenen nicht. "Wenn jemand erst einmal
50 kg zu viel auf die
Waage bringt, dann helfen keine
Diäten mehr", sagt Professor Rudolf Weiner aus Frankfurt am Main.
Denn das
Fettgewebe als autonomes endokrines Organ wirkt der
Gewichtsabnahme entgegen. Durch
Hungern können die
Patienten zwar ihre
Fettspeicher zum Teil entleeren. Anschließend reguliert der
Körper aber den
Stoffwechsel auf ein extrem niedriges Niveau. Selbst bei minimaler Kost füllen sich die Speicher sofort wieder, so der
Adipositas-Experte von der
chirurgischen Klinik am
Krankenhaus Sachsenhausen.
Nach
chirurgischen Eingriffen sinkt die
Sterberate deutlich
Helfen können
chirurgische Eingriffe mit
Magenbypass oder
Magenband. Nach Studienergebnissen verlieren
Adipositas-Patienten durch solche Verfahren stark an
Gewicht. Das hohe Risiko für
Folgekrankheiten sinkt dadurch und die
Sterberate wird deutlich verringert.
Nach den Leitlinien der Deutschen
Adipositas-Gesellschaft sind solche bariatrischen Eingriffe generell zu erwägen bei einem
BMI über 40, außerdem bei einem
BMI über 35 und zusätzlich schwerwiegenden
Begleiterkrankungen. Junge
Patienten mit hohem
BMI profitieren am meisten von der Operation.
Die Eingriffe gehören nicht zum Leistungskatalog der GKV, in Ausnahmen werden sie auf Antrag übernommen. Gezahlt wird in der Regel aber nur, wenn konservative, ärztlich geleitete
Therapien über mindestens zwölf Monate keinen Erfolg gehabt haben. "Der Nachweis ist oft ein Problem, denn die meisten
Patienten haben ihre erfolglosen
Diäten in Eigenregie vorgenommen", so Weiner im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".
Im internationalen Vergleich ist Deutschland deshalb ein Schlusslicht bei der
Adipositas-Chirurgie. So wurden nach Angaben von Weiner im Jahr 2005 bei uns nur etwa 1200 solcher Eingriffe vorgenommen, was etwa 14 Eingriffen pro eine Million Einwohner entspricht. Zum Vergleich: Die Rate betrug in den USA 752 und in Frankreich 278 Eingriffe pro eine Million Einwohner. Und sogar in Polen gab es mehr
Operationen für
Adipöse als bei uns (17 pro eine Million).
Ursache der geringen
Operationsrate in Deutschland sei dabei nicht nur die restriktive Genehmigungspraxis der GKV, sagt Weiner. Es fehlten vor allem auch spezialisierte Zentren mit Erfahrungen für die schwierigen Eingriffe.
"Nach internationalen Richtlinien sollten
Adipositas-Zentren mindestens 125 Eingriffe im Jahr machen", sagt Weiner. Nach seinen Angaben erfüllt das in Deutschland bisher nur das Krankenhaus Sachsenhausen (etwa 1000 Eingriffe pro Jahr). Es folgten die Universitätsklinik Hamburg und das
Krankenhaus in Dinslaken mit je etwa 100 Eingriffen jährlich sowie das
Klinikum Gera mit etwa 60 Eingriffen. Von den Zentren muss auch die lebenslange Nachsorge der
Patienten organisiert werden. "Der Umfang der Nachsorge entspricht dem in der
Transplantations-Chirurgie", sagt Weiner dazu.
Typ-2-Diabetes lässt sich komplett wieder beseitigen
Die
Begleiterkrankungen von
Adipositas werden nach dem
chirurgischen Eingriff gelindert oder sogar ganz beseitigt. So lässt sich
Typ-2-Diabetes durch einen
Magenbypass vollständig beseitigen, wenn ein
Patient noch nicht länger an der
Erkrankung leidet. Die Kosten des Eingriffs von etwa 5000 Euro können sich so schnell amortisieren. Weiner hat berechnet, dass zehn Jahre
Therapie eines
insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikers mit
Adipositas etwa 110 000 Euro kosten. Im Vergleich dazu müssten für einen
chirurgisch versorgten
Adipositas-Patienten mit
Operation und Nachsorge in zehn Jahren etwa 9200 Euro aufgewendet werden.
Adipositas-Patienten können etwa an das Krankenhaus Sachsenhausen vermittelt werden, Tel.: 0 69 / 66 05-11 99
Quelle:
www.aerztezeitung.de